Crespi d'Adda (typische Gewerbewohnsiedlung aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert)






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Um 6 Uhr fünfzehn fällt erstes Licht auf die Spitze des Schornsteins hinter dem verschlossenen eisernen Gitter. Die Werksuhr zeigt 6 vor 5, sie steht seit Jahren. Kein Dampf steigt auf, nutzlos ragt der Schornstein, ein Ausrufezeichen des Niedergangs im Blassblau des Morgens, der ein heißer Tag zu werden verspricht.
Türen sind erbrochen, Scheiben zersplittert, zerstört, was sich als Diebesgut nicht brauchen lässt, die Scherben und Splitter am Boden zwischen aufgerissenen, verschmutzten Baumwollpäckchen, das Werk war einst eine Textilfabrik. Nicht irgendeine.
Eine Fabrik, die sich ihre eigene kleine Welt leistete, am Ende des 19. Jahrhunderts, ‚Crespi d’Adda’. Die Familie Crespi hatte diese Musterwelt, Fabrik und Wohnhäuser am Fluss Adda erbauen lassen. Auch wenn die Turbinen heute stillstehen, diese Fabrikhalle mit Fliesen, Parkett, Wandmalereien und ästhetisch anspruchvoll in jedem Detail hat ihre Faszination bewahrt. Die Idroelettrica, ein Museumsraum, zu dem heute allerdings niemand Zutritt hat, ebenso wie zu allen anderen Gebäuden des bankrotten Unternehmens.
Am Ufer des Flusses wurde die Fabrik errichtet, und entlang der Hallen entstand der Ort Crespi, Wohnhäuser, Kirche, Kinderhort und Schule, am Ende des Weges ein Monument, wie Pharaonen es sich bauen ließen, nur im Geschmack der Zeit um die Jahrhundertwende, das Denkmal über der Familiengruft, fast so hoch, wie die Fabrikschornsteine. Davor ein Feld, reihenweise bestellt mit kleinen Kreuzen. Auf dem Friedhof der Crespi durfte jeder aus ihrer Arbeiterschar seine letzte Ruhestätte finden. Eine reiche Saat zu Füßen des Fabrikanten, des Wohltäters und Nutznießers seiner Wohltaten. Das Haus, das er und seine Nachkommen zu Lebzeiten bewohnte: Ein Schloss mit Turm und Zinnen, direkt neben der Fabrik. Aber auch die Häuser seiner Arbeiter waren großzügig geplant und eingerichtet, die der höheren Angestellten noch großzügiger, - zufriedene Arbeiter arbeiten besser.
Das Werk blieb nicht im Familienbesitz. Mehrfach wechselte die Leitung im Laufe des 20. Jahrhunderts. 1995 wurde die Fabrik und der ganze Ort als Beispiel einer Industriekultur, die schmuckvolle Architektur mit Funktionalität in Einklang brachte in die Unesco Welterbe Liste aufgenommen. Damals allerdings war die heute sinnlose Weitläufigkeit der riesigen Hallen vom Maschinenlärm gefüllt. 2003 musste die Fabrik Insolvenz anmelden.
Heute haben Verfall und Zerstörung ihre eigene Schönheit entwickelt.

Buch und Regie: Christian Romanowski
Kamera: Gerd Bleichert



Kulturdenkmal:Arbeiter-Wohnsiedlung Crespi d'Adda

Unesco-Ernennung:1995

1878
Beginn der Baumwollverarbeitung in Crespi

bis 20-er Jahre des 20. Jh.
Bau und Entwicklung des Arbeiterdorfes um die Baumwollfabrik

Crespi d'Adda
Wohn- und Arbeitersiedlung um die Baumwollfabrik der Familie Crespi - heute Denkmal einer vergangenen Industrieepoche.


© Chronik Verlag im Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH Gütersloh/München 2000 - 2010



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